Ordenskorrespondenz 4/2004
Ein kurzer Blick auf den Neuaufbruch des eremitischen Lebens in Deutschland
1. Eine alte, neue Form kontemplativen Lebens
Sie leben in der Einsamkeit einer Berghütte oder im leerstehenden Pfarrhaus eines Dorfes. Sie tragen Zivil oder einen ordensähnlichen Habit und gestalten ihr geistliches Leben aus den Quellen unterschiedlichster Spiritualitätsformen: benediktinisch, franziskanisch-klarianisch, karmelitisch, zisterziensisch oder nach dem Vorbild des Charles de Foucauld. Ihre Hauptaufgabe ist das Gebet, ihre Vorbilder finden sich meist in der Zeit der Frühen Kirche. Schweigen und Hören, die Stille und das Wort durchdringen ihren Tag. Ihr Leben versucht Zeugnis abzulegen von der geheimnisvollen Unergründlichkeit Gottes, der sich dem einzelnen kleinen Menschen in unbegreiflicher Weise schenkt und von der Herrlichkeit des gekreuzigten Christus.
Gelübde legen sie nach Canon 603 CIC ab in die Hände des jeweiligen Diözesanbischofs und den Menschen in “ihrem Bistum” gilt ihr besonderes Gebet. Ihre Zahl steigt und der Begriff “Diözesaneremiten” beginnt sich einzubürgern. So sollen sie auch im Folgenden bezeichnet werden.
2. Abriss der Geschichte
Aus der vielfältigen, vormonastischen Askese innerhalb der christlichen Gemeinden erwuchs vor etwa 1700 Jahren die Wüstenaskese. Ihre Anfänge können im Ägypten des 3.Jahrhunderts an der herausragenden Persönlichkeit Antonios des Großen abgelesen werden. Eine sich rasant entwickelnde Vielfalt des eremitischen Lebens verbreitete sich von hier aus und das ägyptische Vorbild eines Lebens für Gott allein regte andere Modelle an und gab Impulse für Suchende in allen Jahrhunderten. Dabei gab es bei den Männern und Frauen der Wüste in der Regel keine totale Isolierung, keine völlige Kontaktlosigkeit. Schon für Antonios galt: “Vom Nächsten her kommen uns Leben und Tod.”1 Und wer mit den Menschen in der Welt nicht leben könne – so Abbas Longinos – käme mit sich in der Einsamkeit auch nicht zurecht. 2
Im Laufe der Kirchengeschichte inspirierte die Wüstenaskese immer wieder Menschen zur radikalen Nachfolge. Die großen Ordensgründer wie Augustinus, Benedikt von Nursia, Franziskus und Klara von Assisi, Dominikus und auch Ignatius von Loyola lasen oder hörten über die Wüstenasketen oder hatten selber Kontakt zu Einsiedlern oder weiblichen Reklusen.
Das eremitische Leben versiegte im Laufe der Kirchengeschichte nie ganz, auch wenn es – wie bei den Ordensgemeinschaften – Blütezeiten und Niedergänge erfahren musste. Neu belebt wurde das ägyptische Ideal im 20.Jahrhundert, nachdem es 100 Jahre fast gänzlich versickert zu sein schien. In einigen Regionen war der Aufbruch so markant, dass sich verschiedene Bischöfe schon während des 2.Vatikanums dafür einsetzten, den Eremiten wieder einen kirchenrechtlichen Stand zuzusprechen. “Einen gewissen Widerhall dieser Stimmen kann man in den Dokumenten des Konzils hören, wo mit Hochschätzung vom ‚einsamen Leben‘ (vita solitaria) gesprochen wird: z.B. im Dekret über die zeitgemäße Erneuerung des Ordenslebens (1b) und in der Dogmatischen Konstitution über die Kirche (43a). In der Arbeit am neuen CIC jedoch wurden diese Anregungen in vielleicht überraschender Weise aufgenommen.”3
Im Canon 603 §1+2 CIC formulierte die Kommission einen neuen Ansatz für Gläubige, die, ohne einem Orden oder einer anderen religiösen Gemeinschaft anzugehören, ein Leben des Gebetes und der Buße in der Zurückgezogenheit führen wollen.
§1 Außer den Instituten des geweihten Lebens anerkennt die Kirche auch das eremitische oder anachoretische Leben, in dem Gläubige durch strengere Trennung von der Welt, in der Stille der Einsamkeit, durch ständiges Beten und Büßen ihr Leben dem Lob Gottes und dem Heil der Welt weihen.
§2 Als im geweihten Leben Gott hingegeben wird der Eremit vom Recht anerkannt, wenn er, bekräftigt durch ein Gelübde oder eine andere heilige Bindung, sich auf die drei evangelischen Räte öffentlich in die Hand des Diözesanbischofs verpflichtet hat und unter seiner Leitung die ihm eigentümliche Lebensweise wahrt.
Seit den Siebziger Jahren ist in Deutschland der Neuaufbruch des eremitischen Lebens in einigen Diözesen bekannt; vor allem seit Beginn der Neunziger ein spürbares Ansteigen der Berufungen. Die Bandbreite der Gestaltung des Diözesaneremitentums allerdings ist enorm. Eine bunte Palette bietet sich schon dem, der nur einige dieser verborgenen Beter und Beterinnen kennt: In Zivil oder in einem ordensähnlichen Habit, leben sie zum Beispiel in einer Almhütte, an einer Wallfahrtskirche, ziehen in leerstehende Pfarrhäuser oder mieten abgelegene, kleine Bauernhäuser. Zurzeit sind es in Deutschland schätzungsweise 70 Gläubige, die zu etwa 80% als Diözesaneremiten leben, 20% sind Ordenseremiten oder nicht institutionell gebundene Eremiten. Der überwiegende Teil aller eremitisch lebenden Gläubigen sind wahrscheinlich Frauen; genaue Zahlen existieren im Augenblick allerdings nicht.
Für die Mitglieder eines Ordens, die mit Erlaubnis ihrer Oberen das eremitische Leben wählen und sich auf dem Gelände oder in der Nähe ihres Klosters als Einsiedler oder Einsiedlerin niederlassen, gilt weiterhin das jeweilige Partikularrecht der Gemeinschaft. In der Regel nehmen sie an wichtigen Zusammenkünften wie Wahlen, Kapitel oder Generalversammlungen teil; sie sind über das Kloster versichert und beziehen auch meist den notwendigen Lebensunterhalt daher. Einige der Ordenseremiten übernehmen unterschiedliche Pflichten wie zum Beispiel einige Bereiche des Noviziatsunterrichtes oder die zeitweilige Vertretung des Gastpaters.
Das Bewusstsein, die eremitische Berufung für die Menschen und für die Kirche empfangen zu haben, veranlasste gerade in den letzten Jahren immer mehr eremitisch lebende Gläubige ohne Ordensmitgliedschaft, die Bitte um Ablegung der Gelübde nach Canon 603 CIC auszusprechen, um so die Gnade dieser Berufung noch tiefer und fruchtbarer in die Kirche, in das Instrument des Heiles einzusenken.
“Darin besteht ja das Wesen des kontemplativen Lebens, dass von dem glühenden Gotteslob vor allem die Kräfte der Kirche fruchtbar gemacht werden sollen, die der Welt das vom göttlichen Erlöser am Kreuz erwirkte Heil mitteilen.” 4
Dieses starke Bewusstsein vieler Eremiten und Eremitinnen, das Geschenk der Berufung für die Menschen und für den Aufbau des Leibes Christi empfangen zu haben und sich durch die Ablegung der Gelübde nach Canon 603 zur Verfügung zu stellen, macht unter anderem deutlich, dass diesem Neuaufbruch nicht ein fromm verbrämter Wunsch nach einem kirchlich anerkannten Single-Dasein zu Grunde liegt. Eher ist in vielen Gesprächen mit Eremiten die tiefe Sorge spürbar, die hinter dem allgegenwärtigen Aktionismus von Gemeinden und Verbänden ein riesiges Defizit von Anbetung sieht verbunden mit einer Unwilligkeit und Unfähigkeit, sich der nicht fassbaren, geheimnisvollen Größe und Liebe des Schöpfers zu stellen. Unter diesem Blickwinkel sollten dann auch Behauptungen kritisch hinterfragt werden, die die nicht institutionell gebundenen Eremiten, also die eremitisch lebenden katholischen Gläubigen ohne Gelübde als die Gruppe zu bezeichnen, in denen wahrscheinlich die meisten “wahren” Eremiten seien. 5 Berufungen sind Geschenke, die ein Mensch von Gott erhält für Andere analog dem pro nobis des Herrn. Das öffentliche Versprechen der Hingabe im eremitischen Leben pflanzt darum die empfangene Gnade der Berufung nicht nur tiefer in die Kirche ein. Die Gelübde als ein Akt des Sich-zur-Verfügung-Stellens eröffnen als Antwort der Liebe weitere und tiefere Zugänge zur Gnade für den Nächsten. Die reichere Frucht aus der Taufgnade, von der das Konzilsdokument Lumen Gentium in Artikel 44 spricht, ist ja nicht nur Frucht für das eigene Leben, sondern, mit Paulus gesprochen, Ehre auch für die anderen Glieder am mystischen Leib Jesu, der die Kirche ist. (Vgl. 1 Kor 12,12f)
3. Spiritualität
Ihren Tagesablauf bestimmt das Gebet: die meisten beten das römische oder das monastische Brevier; das Herzensgebet, die tägliche Meditation, der Rosenkranz und vielfältige Frömmigkeitsformen kommen dazu. Für ihren Lebensunterhalt sind die Diözesaneremiten in der Regel selbst verantwortlich und so haben die meisten neben der Berufung auch einen “Brotberuf”. Ein nicht immer leichter Spagat, denn nur wenige “Jobs” können von der Klause aus erledigt werden.
Bei allen Unterschieden in Kleidung, Beschaffenheit der Klause und den Wurzeln der Spiritualität kristallisieren sich doch allmählich zwei Eckpunkte dieser Lebensform heraus.
3.1. Der geistliche Kampf
Das andauernde Gebet in der Stille hat für viele einen ganz bestimmten Reiz; es schmeckt nach Idylle und nach Kuschelecke. Doch mit Gott lässt sich nicht kuscheln, schon gar nicht in der Stille der Einsamkeit. Das Gebet des Eremiten ist keine beschauliche Selbstgenügsamkeit. Eher ist es ein beständiges Ringen und Kämpfen, ein sehnsuchtsvolles Rufen aus den Tiefen der gebrochenen menschlichen Existenz nach dem, mit dem man doch nicht wie mit einem braven Weib in einem Schrebergartenhäuschen seine Tage verleben kann. 6
Der Eremit steht allein vor Gott. Seine Einsamkeit zwingt ihn, sich mit sich selbst zu konfrontieren: mit seiner Geschichte, seinen Stärken und Schwächen, mit seiner erlösungsbedürftigen Natur. Immer wieder, manchmal täglich, ja stündlich, versucht der Eremit, all dies anzuschauen, auszuhalten, im Gebet hinzuhalten und umwandeln zu lassen durch einen Gott, der sich in diesem Geschehen als der erbarmende und dem Menschen bedingungslos zugewandte Erlöser erweist.
” Im nächtlichen Schweigen stehe ich vor IHM – allein. Niemand, hinter dem ich mich verstecken kann. Niemand, den ich als Alibi vorschieben kann. Nur ER und ich. Manchmal ist diese Begegnung furchtbar. Manchmal ist es Liebe pur.” 7
Die Erkenntnis, nicht heil zu sein und der Heilung zu bedürfen, gewinnt in der an Ablenkung armen Klause oft große Brisanz. Hier standzuhalten und nicht zu flüchten oder spirituell auf Abwege zu geraten, dazu bedarf es eines gerüttelten Maßes an geistlicher Erfahrung. Kompetente geistliche Begleitung und ein Anfangsalter für Eremiten von nicht unter 35 Jahren wird darum von vielen Diözesaneremiten als wichtig und gut empfunden.
Allein vor diesem Deus semper maior zu stehen mit seiner ganzen Person und seiner ganzen Geschichte, das bedeutet auch, weiterhin zu glauben, auch wenn Er schweigt, wenn Seine Tröstungen ausbleiben.
3.3. Stellvertretung und Fürbitte
Das beständig treue Gebet in solchen Situationen schafft in der Kirche, im mystischen Leib Jesu Christi eine Art Ausgleich. Nach Evagrius Pontikus ist der einsam Betende getrennt von allen und zugleich vereint mit allen. Der Eremit, der ehrlich und treu seine Berufung zum Gebet, zur Kontemplation lebt, nimmt die Menschen, die nicht mehr beten können oder wollen, in sein Herz, in sein Gebet hinein. Eine Bitte um Gnade, die gerade in Zeiten von Resignation und Glaubensgleichgültigkeit dem Bohren eines Brunnen in karger Wüste entspricht. “Denn wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: so ist es auch mit Christus. … Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm. Ihr aber seid der Leib Christi und jeder einzelne ist ein Glied an ihm,” 8 um noch einmal den Völkerapostel zu zitieren.
Stellvertretung und Fürbitte bekommen dabei manchmal eine vorher nicht erkannte Dimension durch das Spannungsfeld der selbst durchlebten, existenziellen Probleme dieser Lebensform. Die Notwendigkeit, den Lebensunterhalt einschließlich der Sozialabgaben selbst zu verdienen, hat eine nicht zu unterschätzende Rückwirkung auf das fürbittende Gebet und die Kontemplation. Wer um diese Schwierigkeiten aus eigener Erfahrung weiß, spürt der müden und halbherzigen Anstrengung eines Familienvaters um Gebet oder um den sonntäglichen Gottesdienstbesuch anders, einfühlsamer nach.
4.Resümee
Der Neuaufbruch des eremitischen Lebens in Deutschland und weltweit lockte in den letzten Jahren häufig Presse und Fernsehen in die unterschiedlichsten Klausen. Vielen Berichten mussten Leser und Zuschauer entnehmen, dass Eremiten die letzten Abenteurer in einer durchorganisierten und technisch-kalten Welt sind: Exoten, die ihre spirituellen Sehnsüchte anscheinend in idyllisch-romantischer Umgebung stillen können.
Die wirklichen Werte, die verborgene Wirksamkeit wurden nicht erwähnt. Und vom geistlichen Kampf, der kein frommer Abenteuerurlaub ist, las oder hörte man nur sehr selten. Aber so wie ein Brunnen in der Wüste allen Wasser gibt, die es benötigen, ohne dass die Trinkenden wissen, wer den Brunnen gebohrt hat, so wird das Gebet der Eremiten, gleich, ob Diözesaneremiten oder Ordenseremiten, Brunnen des Glaubens bohren und denen, die nach Gott suchen, helfen, das Wasser des Lebens zu finden.
Maria Anna Leenen
Fußnoten:
1 Apophthegmata patrum, Antonios 9, Übersetzung B.Miller OSB
2 ebenda Longinos 1
3 Marianne Schlosser, aus: Maria Anna Leenen, Einsam und allein, Eremiten in Deutschland, Leipzig 2001, 127
4 Johannes Paul II. aus: Barbara Albrecht, Berufen zum Zeugnis: Ordensleben aus der Sicht Papst Johannes Pauls II., Vallendar 1988, 152
5 Anne Bamberg, Eremiten und geweihtes Leben, Versuch einer kanonischen Typologie, Prêtres diocésains, 1398, Oktober 2002, 346-353. Aus dem Französischen übersetzt von Domenica Frericks.
6 Bernardin Schellenberger aus: Serge Bonnet/Bernard Gouley, Gelebte Einsamkeit, Eremiten heute, 118
7 Maria Anna Leenen, Manchmal furchtbar, manchmal Liebe pur, Rheinischer Merkur 5/1995
8 1 Korinther 12,12;26+27
aus: Ordenskorrespondenz 4/2004, S. 421-424