Pastoralblatt 7/2006
Eine nie versiegte alte Lebensform in neuem Gewand
Für manchen Ortspfarrer sind sie eine echte Versuchung, denn mit ihnen könnte man endlich das leerstehende Pfarrhaus besetzen. Ordensleute betrachten sie nicht selten mit einem leichtem Misstrauen.
Sie leben in der Einsamkeit einer Berghütte oder am Rande eines Dorfes, tragen Zivil oder einen ordensähnlichen Habit und gestalten ihr geistliches Leben aus sehr unterschiedlichen Quellen. Ihre Hauptaufgabe ist das Gebet, ihre Vorbilder finden sich meist in der Zeit der Frühen Kirche. Schweigen und Hören, die Stille und das Wort durchdringen ihren Tag. Ihr Leben versucht Zeugnis abzulegen von der geheimnisvollen Unergründlichkeit Gottes, der sich dem einzelnen kleinen Menschen in unbegreiflicher Weise schenkt und von der Herrlichkeit des gekreuzigten Christus. Ihre Existenz betrachten sie mit dem Wissen um die Vorläufigkeit alles Irdischen; für ihren Lebensunterhalt müssen sie in eigener Verantwortung selber sorgen.
Gelübde legen sie nach Canon 603 CIC ab in die Hände des jeweiligen Diözesanbischofs und den Menschen in “ihrem Bistum” gilt ihr besonderes Gebet. Ihre Zahl steigt und der Begriff “Diözesaneremiten” beginnt sich einzubürgern. So sollen sie auch im Folgenden bezeichnet werden.
Eremitin, Klausner oder Einsiedlerin, diese Formulierungen lösen bei den meisten Menschen sofort ein ganz bestimmtes Bild aus: Sind das nicht diese liebenswerten, aber doch sehr weltfremden Wesen, die am Rande eines Wäldchens leben, mit Kutte und Bart und die immer nur beten? Doch dieses idyllische Bild ist eine Mischung aus den Vorstellungen des 19. Jahrhunderts und einer gewissen Sehnsucht der Menschen aller Zeiten nach behaglicher Ruhe und frommer Beschaulichkeit. Man könnte es auch die Sehnsucht nach einer Kuschelecke mit Jesus nennen. Doch das Leben eines Eremiten heute entspricht dem nicht und es hat dieser romantischen Vorstellung auch nie entsprochen.
Eine nie versiegte alte Lebensform
Im Laufe der Kirchengeschichte entfaltete das eremitische Leben eine große Palette an Formen und Farben. Ebenso wie die Ordensgemeinschaften gab es Blütezeiten und Niedergänge. Doch es versiegte nie ganz, immer blieb Glut unter der Asche, die von Zeit zu Zeit erneut zu lodernder Flamme entfacht wurde.
So wurde es neu belebt im 20.Jahrhundert, nachdem es 100 Jahre anscheinend gänzlich versickert zu sein schien. In einigen Regionen war der Aufbruch so markant, dass sich verschiedene Bischöfe schon während des 2.Vatikanums dafür einsetzten, den Eremiten wieder einen kirchenrechtlichen Stand zuzusprechen. “Einen gewissen Widerhall dieser Stimmen kann man in den Dokumenten des Konzils hören, wo mit Hochschätzung vom ‚einsamen Leben‘ (vita solitaria) gesprochen wird: z.B. im Dekret über die zeitgemäße Erneuerung des Ordenslebens (1b) und in der Dogmatischen Konstitution über die Kirche (43a). In der Arbeit am neuen CIC jedoch wurden diese Anregungen in vielleicht überraschender Weise aufgenommen.”1
Während es im alten Kirchenrecht von 1917 keine Möglichkeit eines eremitischen Lebens gab ohne die Zugehörigkeit zu einem Orden, banden die Verfasser des CIC von 1983 mit dem Canon 603 diese Lebensform neu in das Kirchenrecht ein. Seit den Siebziger Jahren ist auch in Deutschland ein Neuaufbruch des eremitischen Lebens in verschiedenen Diözesen bekannt; vor allem seit Beginn der Neunziger gab es ein spürbares Ansteigen der Berufungen. Zurzeit sind es in Deutschland schätzungsweise 70 Gläubige, die einen eremitischen Weg gewählt haben. Zu etwa 80% leben sie als Diözesaneremiten, 20% sind Ordenseremiten oder nicht institutionell gebundene Eremiten. Der überwiegende Teil aller eremitisch lebenden Gläubigen sind wahrscheinlich Frauen; genaue Zahlen existieren im Augenblick allerdings nicht.
Gerade in den letzten Jahren baten immer öfter eremitisch lebende Gläubige ohne Ordenszugehörigkeit die Gelübde nach Canon 603 CIC ablegen zu dürfen, um so die Gnade ihrer Berufung tiefer und fruchtbarer in die Kirche, in das Instrument des Heiles, einzusenken.
Dieses starke Bewusstsein vieler Eremiten und Eremitinnen, das Geschenk der Berufung für die Menschen und für den Aufbau des Leibes Christi empfangen zu haben, macht unter anderem auch deutlich, dass diesem Neuaufbruch nicht ein fromm verbrämter Wunsch nach einem kirchlich anerkannten Single-Dasein zu Grunde liegt. Eher ist in vielen Gesprächen mit Eremiten die tiefe Sorge spürbar, die hinter dem allgegenwärtigen Aktionismus von Gemeinden und Verbänden ein riesiges Defizit von Anbetung sieht verbunden mit einer Unwilligkeit und Unfähigkeit, sich der nicht fassbaren, geheimnisvollen Größe und Liebe des Schöpfers zu stellen.
Eine sehr intensive Kurzfassung der eremitischen Lebensform nach c.603 CIC findet sich im Weltkatechismus im Abschnitt 921. Die Verfasser formulierten sehr dicht:
-”Sie , die Einsiedler, zeigen jedem das Innere des Mysteriums der Kirche auf: die persönliche Vertrautheit mit Christus. Den Augen der Menschen verborgen, ist das Leben des Eremiten eine stille Predigt Christi. Der Einsiedler hat sein Leben ganz Christus übergeben, weil dieser für ihn alles ist. Es ist eine besondere Berufung in der Wüste, im geistlichen Kampf die Herrlichkeit des Gekreuzigten zu finden.”
Das neue eremitische Leben heute in Deutschland ist außerordentlich bunt. Es gibt einige, wenige Einsiedlerinnen, die so gut wie keinen Kontakt haben und gänzlich von der Vorsehung leben, also von Menschen, die sie unterstützen. In der Regel aber müssen sich Diözesaneremiten ihren Lebensunterhalt selber erarbeiten. Der manchmal sehr schwierige Spagat zwischen Kontemplation in Zurückgezogenheit und dem Brotberuf gehört dabei meines Erachtens mit zu der diese Lebensform konstituierenden Askese. Doch trotz aller Einfachheit und Anspruchslosigkeit ist es zurzeit im wirtschaftlich schwierigen Deutschland nicht so einfach, Arbeitsmöglichkeiten zu bekommen, deren Lohn ausreicht, um alle Kosten zu bestreiten und die mit der Lebensform zu vereinbaren sind. Denn weder Miete noch Lebensmittel oder gar die Sozialabgaben bezahlt der Bischof. Viele haben geringfügig entlohnte Tätigkeiten z.B. im Altenheim, Pfarrbüro oder Großküchen oder arbeiten als Küster. Manche wählen freie Berufe wie Übersetzerin, Lektorin, Schriftstellerin oder gestalten Meditationskurse und Vorträge. Natürlich werden vorzugsweise Möglichkeiten gesucht, die mit dem Bleiben in der Klause verbunden werden können.
An zwei Kernpunkten soll nun im Folgenden ein Blick auf die Spiritualität geworfen werden.
1. Einsamkeit
Der Eremit steht allein vor Gott. Seine Einsamkeit , das Allein-sein zwingt ihn, sich mit sich selbst zu konfrontieren: mit seiner Geschichte, seinen Stärken und Schwächen, mit seiner erlösungsbedürftigen Natur. Immer wieder, manchmal täglich, ja stündlich, versucht der Eremit, all dies anzuschauen, auszuhalten, im Gebet hinzuhalten und umwandeln zu lassen durch einen Gott, der sich in diesem Geschehen als der erbarmende und dem Menschen bedingungslos zugewandte Erlöser erweist.
“Im nächtlichen Schweigen stehe ich vor IHM – allein. Niemand, hinter dem ich mich verstecken kann. Niemand, den ich als Alibi vorschieben kann. Nur ER und ich. Manchmal ist diese Begegnung furchtbar. Manchmal ist es Liebe pur.” 2
Die Erkenntnis, nicht heil zu sein und der Heilung zu bedürfen, gewinnt in der an Ablenkung armen Klause oft große Brisanz. Hier standzuhalten und nicht zu flüchten oder spirituell auf Abwege zu geraten, dazu bedarf es eines gerüttelten Maßes an geistlicher Erfahrung. Kompetente geistliche Begleitung und ein Anfangsalter für Eremiten von nicht unter 35 Jahren wird darum von vielen Diözesaneremiten als wichtig und gut empfunden.
Dass der Eremit erfährt, wie gebrochen und unheil, wie zerbrechlich menschliche Lebensgestaltungen und Lebensumstände sind, das bedeutet: In dieser Lebensform setzt sich ein Mensch aus: körperlich, geistig, seelisch und riskiert immer wieder von neuem, dass nicht nur die geschönte Fassade Risse bekommt und zerstört wird. Sondern dass unausweichlich klar erkannt wird: Mensch-Sein bedeutet ein kleines, nacktes, bedürftiges, ja jämmerliches Geschöpf zu sein, das absolut auf das Erbarmen Gottes angewiesen ist! Und dieser Vorgang ist nicht eine einmalige Erkenntnis. Er ist die Abfolge vieler kleiner und größerer, alltäglicher Konfrontationen mit sich selbst unter den Augen Gottes. Was hier letztlich trägt, ist nur ein allen Schmuckes, aller Girlanden und Lichterketten entblößter nackter Glaube an den, der größer ist als alles, was Menschen sich wünschen und vorstellen können.
Der endliche Mensch, der sich so erfährt als endlich, als im Tiefsten machtlos und klein, der sich nicht selbst die eigene Vollendung oder den anderen ihre Vollendung geben kann, der aber doch in sich diese unerbittliche Forderung vorfindet, vollendet zu sein, der erfährt zugleich die liebende, lockende Einladung, sich durch jemanden, der das eigene Sein völlig übersteigt, vollenden zu lassen. Mit einem Wort: Ihm geschieht Gnade! In der Stille der Klause ist dies ein lebenslanger Weg, den der Eremit und die Einsiedlerin stellvertretend für die Vielen gehen. Dabei bekommen Stellvertretung und Fürbitte manchmal eine vorher nicht erkannte Dimension durch das Spannungsfeld der selbst durchlebten, existenziellen Probleme dieser Lebensform.
Die Notwendigkeit, den Lebensunterhalt selbst zu verdienen, hat eine nicht zu unterschätzende Rückwirkung auf das fürbittende Gebet und die Kontemplation. Wer um die kräftezehrenden Schwierigkeiten der Verbindung von kontemplativem Leben und Brotberuf aus eigener Erfahrung weiß, spürt der müden und halbherzigen Anstrengung eines Familienvaters um Gebet oder um den sonntäglichen Gottesdienstbesuch anders, einfühlsamer nach. Das treue Aushalten in der bedingungslosen Ausrichtung auf Gott in dieser Lebensform aber hilft über schwach erahnte Kanäle im geheimnisvollen mystischen Leib Christi, der Kirche, den Schwestern und Brüdern im Glauben in ihren Schwierigkeiten standzuhalten.
2. Transzendenzarmut
Wer in die Stille der Einsamkeit (vgl. c.603 CIC) geht, und wer das über einen langen Zeitraum tut begleitet von großer Einfachheit und manchmal sogar von existenziellen Mängeln, der erfährt sehr intensiv, wie fragil und brüchig die Lebensmodelle, die Wünsche und Sehnsüchte sind. Und wie sehr sich der Mensch danach sehnt zu erfahren, was wirklich Wert hat, was trägt, was Sinn schenkt und was über den Tod hinaus seinen Wert behält.
Unsere Welt mit ihrem Trend zur Beliebigkeit, in dem alles gleich viel wert sein soll, alles machbar und alles erlaubt zu sein scheint, hat als eine Folge ein Schwinden der Sensibilität für das Heilige, für das, was unsere Welt übersteigt. Für die Transzendenz. Hier verstanden als theologischer Begriff, der Gottes Wesen und sein Wirken als die Welt und alles Wirkliche unendlich übersteigend denkt und der zugleich auch beinhaltet, dass dieser Gott jedem und allem als innerstes Geheimnis inne wohnt.
Der Eremit, der konsequent und ausdauernd seinen an Konsum und äußeren Glanzlichtern sehr armen Tag verlebt, gibt Zeugnis davon, was trägt und was einen tiefen inneren Frieden schenkt. Er gibt ein Zeugnis, dass Gnade existiert, ja, dass sie verschenkt werden will. Und dass diese Gnade einen Namen hat: Jesus Christus.
Die innige Vertrautheit mit diesem Christus, ohne die dieses Leben gar nicht möglich ist und die diesem Leben zu Grunde liegt und die durch dieses Leben immer mehr gefördert und gestärkt wird, diese tiefe Freundschaft zu Christus, zu Gott, trägt allein und hilft den Tag und das Leben zu bestehen. Sie schärft die Sensibilität für das, was hinter den Dingen liegt, was in ihnen verborgen ist und als Spur Gottes, als Zeichen seiner Anwesenheit wahrgenommen werden kann: Masken werden durchsichtig und der Gekreuzigte wird im Antlitz des Mitmenschen sichtbar. Sichtbar und in seiner Endlichkeit verstanden durch die manchmal mit ungeheurer Wucht anwesende Sehnsucht nach Unendlichkeit, nach dem, was wirklich Bestand hat. Aber auch schmerzhaft spürbar durch die verzweifelten Versuche der Menschen – auch der des Eremiten selbst – das Irdische als Bleibendes zu gestalten.
Und hier treffen sich bei aller Unterschiedlichkeit in äußerer Lebensgestaltung und ausgefalteter Spiritualität die Diözesaneremitin des 3. Jahrtausends und der Wüstenvater aus der Frühen Kirche: Beim uralten und die Einsiedlerexistenz zutiefst prägende Begriff der Xeniteia, der in der letzten Zeit verstärkt in den Diskussionen über die Lebensform zur Sprache kam.
Diese innere Haltung des Gast-Seins, des Fremd-Seins des Christen in der Welt wird vom Eremiten bewusst und freiwillig gelebt, davon zeugt sein einfaches Leben, das von der Vorläufigkeit alles Irdischen geprägt ist. So wird der Eremit zur “stillen Predigt”, von der der Weltkatechismus spricht.
Eremitisches Leben im 3. Jahrtausend ist bunt und außerordentlich vielfältig. Und es lockte in den letzten Jahren häufig die Medien in Klause und Einsiedelei.
Vielen Berichten mussten Leser und Zuschauer entnehmen, dass Eremiten die letzten Abenteurer in einer durchorganisierten und technisch-kalten Welt sind: Exoten, die ihre spirituellen Sehnsüchte anscheinend in idyllisch-romantischer Umgebung stillen können. Die wirklichen Werte dieses Lebens wurden in der Regel nicht erwähnt. Aber Stellvertretung und Fürbitte und die Gnade eines betenden Daseins bauen an der neuen Kirche mit auch ohne dass es in Presse und Fernsehen bekannt wird. Nur die Menschen, die zum Gespräch in die Klause kommen, die ahnen manchmal etwas davon, wieviel Gnade in der Kargheit und Stille dieses Lebens liegt. Wie groß und tief beglückend die Vertrautheit mit dem ist, der allein Welt und Kirche und alle Menschen erhält.
Maria Anna Leenen
Anmerkungen
1 Marianne Schlosser, aus: Maria Anna Leenen, Einsam und allein, Eremiten in Deutschland, Aschendorff 2006, 132
2 Maria Anna Leenen, Manchmal furchtbar, manchmal Liebe pur, Rheinischer Merkur 5/1995
aus: Pastoralblatt für die Diözesen Aachen, Berlin, Essen, Hildesheim, Köln Osnabrück 7/2006, S.214-217