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Etwas Geschichte über das Eremitentum

Montag, Januar 26th, 2009

Der Rest ist Schweigen und Askese

Sie haben keinen besonders guten Ruf. “Das Wort Eremit oder Einsiedler weckt bei vielen Leuten die Vorstellung, das seien sonderbare Menschen, weltfremd oder menschenscheu”, sagt Marianne Schlosser, Theologieprofessorin an der Universität Wien. Auch in der Kirche waren Eremiten lange Zeit nicht sonderlich beliebt. “Ein Eremit nützt niemandem” urteilte der Dominikaner Meister Eckhardt bereits zu Beginn des 14. Jahrhunderts. Dabei waren es Eremiten, die als Christen erstmals Ernst machten mit der Nachfolge Christi. Man könnte sogar sagen: Ohne Eremiten wäre das christliche Mönchtum schlicht undenkbar.

Das Wurzeln des Eremitentums gehen zurück auf das 3. Jahrhundert, als sich die ersten Christen aus Alexandria und anderen Städten in die Wüste zurückzogen, um sich dort, meist allein lebend, ganz dem Gebet, der Meditation, der paulinischen Forderung “Betet ohne Unterlass” (1.Thess 5,17) zu widmen. Diese ersten Eremiten wurden Anachoreten genannt, was übersetzt so viel bedeutet wie “einer, der sich zurückzieht”.

Viele der Wüstenväter und –mütter entwickelten in der Einsamkeit eine so tiefe Spiritualität und zum Teil beeindruckende Weisheit, dass sie bei ihren Zeitgenossen bald als Ratgeber, als Beichtväter oder spirituelle Führer sehr gefragt waren. Um von ihnen zu lernen, siedelten sich um etliche Anachoreten – etwa Antonius Abbas oder Evagrius Ponticus - bald andere Christen an. Aus den Einsiedeleien entstanden so erste Klöster oder Ortschaften. Noch heute gehen viele Formen christlicher Frömmigkeit, etwa das in der Ostkirche beliebte Herzensgebet sowie die Kontemplation, auf die spirituellen Praktiken der Wüstenväter zurück.

Spätestens mit der “Regula Benedicti” - die Benedikt von Nursia um 530 eigentlich nur für das von ihm gegründete Kloster Monte Cassino verfasst hatte, die aber später zur Grundlage etlicher Ordensregeln wurde - galt plötzlich nicht mehr das Anachoretentum, sondern das Koinobitentum als höchste Form des Mönchstums. Als Koinobite wird ein “gemeinsam Lebender” bezeichnet. Von der Genese und dem Ideal her betrachtet, blieben jedoch alle Ordensleute immer auch Eremiten. Darauf deutet nicht nur der Name Mönch hin – das Wort kommt vom griechischen “Monachos”, der Einzelne – sondern etliche Regeln und Rituale. Mönche leben in ihren Zellen allein. Enge Freundschaften sind verpönt, da der Mönch sich ganz auf Gott ausrichten soll. In etlichen Orden wurde Neulingen beim Ablegen der Gelübde bis vor wenigen Jahren noch ein Leichentuch übergeworfen. Dies galt als Zeichen dafür, dass die Schwester oder der Bruder nun für die ‚normale Welt’ gestorben seien.

Am Radikalsten wurde die Gemeinschaft der Einzelnen, der Einsiedler in dem einzigen bis heute nie reformierten römisch-katholischen Orden, den Kartäusern, verwirklicht. Die Mönche verbringen 20 von 24 Stunden des Tages allein in ihren Zellen. Nur zum gemeinsamen Gebet treffen sie sich. Der Rest des kartusianischen Lebens ist, wie der Film “Die Große Stille” von Philip Gröning eindrucksvoll zeigt, Askese und Schweigen!

Echte Einsiedeleien oder Klausen aber blieben in der Geschichte des Christentums eher eine Randerscheinung. Immer mal wieder gab es im Mittelalter einzelne Nicht-Mönche, etwa der bekannte Schweizer Mystiker Niklaus von Flüe, die sich auf Berge, Wälder oder Inseln zurückzogen. Die wohl radikalste Form des Eremitentums praktizierten die so genannten Inklusen oder Reklusen. Meist waren dies Ordensfrauen, die sich für ein Leben in Buße und Gebet in kleine Behausungen an der Außenmauer von Kirchen oder Klöstern einmauern ließen. Mit dem Notwendigsten – etwa der Heiligen Kommunion sowie sonstiger Nahrung – wurden die Reklusen durch ein, zwei Luken Behausung versorgt.

Spirituell jedoch hatten die Anachoreten stets großen Einfluss auf die Kirchengeschichte “Fast alle großen Ordensgründer wie Augustinus, Benedikt von Nursia, Franziskus und Klara von Assisi, Dominikus und auch Ignatius von Loyola lasen oder hörten über die Wüstenasketen oder hatten selber Kontakt zu Einsiedlern oder weiblichen Reklusen”, sagt Maria Anna Leenen, die seit 15 Jahren als so genannte Diözesaneremitin in einer norddeutschen Klause lebt. Von Benedikt, dem Gründer des Benediktinerordens wird berichtet, dass er das Großstadtleben verabscheut und sich immer mal wieder in eine Höhle bei Rom zurückgezogen haben soll. Einmal soll er dort sogar drei Jahre ausgeharrt haben.

In den Ostkirchen, insbesondere in Russland und in Griechenland, auf dem Berg Athos, hat es seit jeher eine große Anzahl eremitisch lebender Mönche gegeben. Nach Angaben der Wiener Theologin Schlosser erlebt das Eremitentum seit den 1920er Jahren aber auch in den westlichen Kirchen eine vorsichtige Renaissance. Die Zahl der in Deutschland lebenden Eremiten beziffert Schlosser auf 80. In Frankreich soll es inzwischen mehr als 300 Eremiten geben. In Italien und Spanien, so wird geschätzt, könnten es jeweils bereits mehr als Tausend sein. Der Vatikan trug dieser Entwicklung Rechnung, und stellte das Eremitentum 1983 im Canon 603 des Codex Juris Canonici (CIC) erstmals auf offizielle kirchenrechtliche Beine. Neben Ordensleben und der Jungfrauenweihe gibt es nun mit dem Dasein als Diözesaneremit eine weitere Möglichkeit, ein gottgeweihtes Leben in der Nachfolge Christi zu leben.

Andreas Kaiser
erschienen im Rheinischen Merkur am 24. Juli. 2008

Amerikanische Umfragen Eremiten 1990/2000

Freitag, Januar 25th, 2008