Eremiten sind im Kommen. Erstaunlich! Erstaunlich?
Ihre Spur, die faszinierend große Bandbreite an individueller Ausprägung dieser Nachfolge Jesu Christi, zieht sich durch alle Epochen der Kirchengeschichte. Selber seit 15 Jahren auf diesem Weg, ist die Anziehungskraft mit den Jahren intensiver geworden, die Freude, die Bereitschaft in dieser Lebensform zu verbleiben und das tägliche Leben in allen Bereichen noch ausschließlicher nur davon durchtränken zu lassen, größer und stärker. Doch was ist das überhaupt, ein Eremit, eine Einsiedlerin, eine Klausnerin, ein Anachoret? Verblüffend ist die Tatsache, dass fast jeder den Begriff Einsiedler kennt und zu wissen meint, was das denn für seltsam-exotische “Vögel” seien. Literarische Verarbeitungen und Darstellungen der bildenden Kunst taten und tun ein Übriges, kaum glaubhafte, skurrile, magische und manchmal einfach nur witzige Klischees in den Köpfen zu verfestigen. Meist sind diese Bilder des Eremitentums – die nur schwer von Vorurteilen zu unterscheiden sind – Vorstellungen aus der religiösen Welt des 19. und 20. Jahrhunderts. Die stimmungsvollen Zeichnungen eines Moritz von Schwind etwa (1804-1871), der Eremiten malte, die Pfeife rauchend in ihren idyllischen Felsentälern sitzen, umgeben von zwitschernden Vögelchen und sanftäugigen Rehkitzen. Welch schönes Bild: ich und der liebe Gott in trauter Zweisamkeit, ungestört von der bösen Welt. Was für eine Vorstellung von Kontemplation, von Nachfolge, von einem Gott, “mit dem man doch nicht einfach wie mit einem braven Weib in einem Schrebergartenhäuschen seine Tage verlebt.”(B. Schellenberger)
Vielleicht ist das verhältnismäßig starke Anwachsen der eremitischen Berufungen eine Reaktion, eine winzigkleine, aber markante Reaktion auf einige Ausprägungen der Postmoderne? Wenn in den letzten Jahrzehnten der Rückzug ins Private, Subjektivierung und ein erschreckender Trend zur Beliebigkeit festzustellen waren und massiv Vereinsamung und Orientierungslosigkeit zu spüren sind, vielleicht ist das Leben von Eremiten eine(!) Antwort darauf? Sicher, auch Eremiten ziehen sich zurück. Doch dieser Rückzug, der unbedingt zu ihrem Leben dazu gehört, ist ein Versuch, Einsamkeit als Weg zum Wesentlichen zu sehen und so von innen heraus zu tiefer, echter Gemeinschaft zu finden. Eremitische Einsamkeit, die besser mit Zurückgezogenheit benannt werden sollte, wird nicht konstituiert durch radikale Kontaktlosigkeit oder durch eine ängstliche Flucht vor den Menschen. Ihre manchmal brennende Schärfe erhält sie durch die unausweichliche Erkenntnis, dass jeder Mensch im Grunde allein ist. Die Erfahrungen in der Klause führen genau zu diesen Punkt hin. Die Frage dabei ist nicht: Gott oder die Welt?, sondern: Was muss ich tun um die Kraft zu haben und den Mut, Gott überall zu finden oder besser: mich überall von ihm finden zu lassen, gerade in schmerzhafter Einsamkeit, in der Konfrontation mit mir selbst an einem Ort, der mir fast alle Möglichkeiten zur Ablenkung nimmt. Das zurückgezogene Leben in der Klause entwickelt sich irgendwann zu einem Brennspiegel, der mich erfahren lässt was Einsamkeit wesentlich ist und wie groß die Herausforderung, durch sie hindurch zu gehen hin zu dem Ort, an dem Christus wahrhaft gegenwärtig ist in mir.
Immer wieder gibt es begeisterte Aspiranten, die nichts sehnlicher wünschen als schnell in großer Zurückgezogenheit zu leben. Aber man kann sie nur warnen: die Wucht dieser Erfahrungen kann wie herabstürzende Felsbrocken urplötzlich in die vermeintliche Idylle des Eremiten stürzen und ihn erschlagen, wenn sein geistliches Handwerkszeug nicht ausreicht und er das Netz des Gebetes und das schützende Vordach eines bedingungslosen Vertrauens auf Christus nicht auszubreiten vermag. Das macht auch deutlich, wie sehr dieses Leben ein Leben der Buße ist, ja, sein muss!
Wenn der das eremitische Leben betreffende Abschnitt des Weltkatechismus in Bezug auf c. 603 CIC schreibt: “… durch ständiges Beten und Büßen (weihen sie) ihr Leben dem Lob Gottes und dem Heil der Welt.” (921) ist damit nicht die ganze und manchmal so schwer verständliche Mortifikationspraxis früherer Jahrhunderte gemeint. Bußgürtel, Geißel und Nagelbrett, Nahrungslosigkeit und Schlafentzug waren Ausdruck des jeweiligen Verständnisses der Leib - Seele Beziehung und natürlich des aktuellen Gottesbildes. Nicht selten verstärkten sie sehr subtil die Fehlhaltungen, die mit ihnen bekämpft werden sollten oder injizierten dem Pönitenten in homöopathischen Dosen Hochmut und Stolz.
Eigentlich reicht es völlig aus, sich in der Stille der Einsamkeit konfrontieren zu lassen mit sich selbst. Wenn die Fassaden bröckeln, wenn sich die selbst gebastelten Bilder, die das mächtige Ich des Menschen malt und laufend retuschiert im Licht Seiner Gnade als das erweisen, was sie sind – mehr oder weniger geschickte Verschleierungstaktiken und Verdrängungsmechanismen der Wahrheit – dann leuchtet auf, was Buße ist, warum sie beständig notwendig ist und wo die Schwierigkeiten liegen.
Buße so verstanden ist im ursprünglichen Sinne metanoia, Umkehr, ein sich durch Gottes Gnade radikal umwandeln lassen. Es ist ein lebenslanger Prozess, die eigenen Abgründe und toten Winkel des Herzens anzuschauen, sie dem Gekreuzigten und seinem Erbarmen in Demut hinzuhalten und umwandeln zu lassen in lichtvolles Zeugnis der wirkmächtigen Gegenwart des Auferstandenen.
Möglich ist dieses Leben nur im Gebet, im beständigen, immerwährenden Gebet! Der Dialog mit dem, der zu diesem Leben beruft, das Hören und neu Hören und immer wieder Hören auf seine leise Stimme, ist das goldene Seil, das sicher über alle Untiefen und Schrecken erregenden Dunkelheiten führt.
Eremitisches Leben heute versteht sich ganz klar als Dienst und nicht als ein Kuscheleckchen mit dem lieben Jesulein für das Heil der eigenen Seele. Wenn der Apostel Paulus im Römerbrief und im 1. Korintherbrief von der Gemeinschaft der Christen als von einem Leib spricht (Röm 12,4f; 1Kor 12,13f) wird damit auch deutlich, dass das verborgene Gebet des Eremiten Auswirkungen hat auf alle. Und sein Leben, selbst wenn es nur die nächsten Nachbarn bemerken, gibt Zeugnis ab von einem fundamentalen Element christlichen Lebens: Ohne die persönliche und in den jeweils individuellen Ausprägungen des Menschen sich ausdeutende Freundschaft mit Jesus Christus ist christliches Leben nicht möglich! Aber um diese Freundschaft leben und gestalten zu können und damit immer neu ihre tiefe Kraft und Freude zu erleben, muss der Mensch seine eigene Einsamkeit durchschreiten, er muss einsamkeitsfähig werden. Ebenso ist die Umkehr des Christen nicht in seine Beliebigkeit gestellt, denn die Verschleierungstaktiken benutzen geschickt die menschliche Scheu vor den Abgründen im eigenen Herzen und rechnen mit der Bequemlichkeit, den Status Quo einer dynamischen Verwandlung vorzuziehen. Nicht zuletzt kostet das Gebet nicht wenig Mühe, am Anfang, immer wieder zwischendurch und eigentlich immer. Alles Gründe, die der Eremit und die Einsiedlerin genauso gut kennen wie alle Christen. Und doch! Wenn mein Tag als Eremitin im 21. Jahrhundert geprägt ist von dem Versuch, das goldene Seil des Gebetes unter keinen Umständen aus den Fingern gleiten zu lassen, speist sich dieses Mühen auch aus der Erfahrung, dass er wahrhaft anwesend ist, dass die Gegenwart Jesu Christi real und spürbar ist auch heute.
Ihm zu folgen in die Wüste der inneren Landschaft, auf Ihn zu hören und seiner leisen und lockenden zärtlichen Stimme, immer wieder sich seiner umwandelnden Gnade zu stellen und sich ihr auszusetzen ist mehr Glück als ein Mensch fassen kann. Ein Glück, nicht nur für Eremiten. Jeder, der Jesu Stimme hört, ist eingeladen. Vielleicht nicht zu einem Leben als Eremit. Sicher aber zu einer persönlichen Freundschaft mit dem, der das Heil und tiefe Glück der Welt und aller Menschen ist.
am 24.Juli erschienen im Rheinischen Merkur